Kevin Rowland macht es sich und seinen Fans nicht leicht. Der Start war furios: Dexys Midnight Runners legten mit „Searching For The Young Soul Rebels“ (1980) und „Too-Rye-Ay“ (1982) zwei Alben vor, die Rowlands Idee eines New Soul definierten. Megaerfolgreich, vor allem durch die Hits „Geno“ und „Come On Eileen“. „Don’t Stand Me Down“ (1985) wollte kaum jemand mehr hören. Rowland versinkt im Drogensumpf, begibt sich in den 1990ern in Therapie. Umso überraschender das späte Comeback unter dem auf Dexys gekürzten Bandnamen mit dem Album „One Day I’m Going To Soar“ (2012). Zuletzt erschien „The Feminine Divine“, das mit schmissigen Soulhymnen beginnt, dann aber in einen mit Pseudofunk unterlegten Sprechgesang verfällt. Trotzdem ein Charterfolg in Großbritannien. Für das neue Album „Love“ steht wieder der komplette Bandname auf dem Cover, um Konfusionen in Playlists zu vermeiden. Schließlich verbindet man Ruhm und Hits mit Dexys Midnight Runners. Sie legen nun mit „Love“ ein angenehm ausgewogenes Album vor, das sich aufgrund der liebevollen Streicherarrangements von Brian Irving und dem gefälligen Soul-Pop bestens als Klangtapete nebenbei hören lässt, das aber nicht nur wegen der Texte zu verschiedenen Facetten der Liebe eine eingehendere Beschäftigung lohnt.
„My Life In England“ umrahmt den zehnteiligen Reigen. Er erzählt autobiografische Episoden des jungen Kevin Rowland: der erste Schultag nach der Übersiedlung der Familie von Irland nach Wolverhampton, der Besuch eines Social-Clubs, in dem alle ein Lied über Kevin Barry singen, ein 18-jähriger Medizinstudent und IRA-Soldat, der 1920 von den Briten hingerichtet wurde. Die Mutter wird Kevin erklären, dass das Lied in England verboten sei. Und da ist ein Blick zurück auf die Prä-Beatles-Zeit mit der fast kultischen Verehrung Amerikas und dessen Rock ‘n‘ Roll-Ikone Elvis. Später taucht das Gesicht von Margaret auf. Es hätte die erste Liebe sein können, es sollte nicht sein. Der „My-ja-jei-jei-jei-life in England“-Chor im Refrain strahlt die Naivität der frühen Tage aus. Ein beschwingter Auftakt und Ausklang.
Nachdenklich, aber ohne Bitternis schildert „Once A Man And Twice A Child“ zu getragenen Streichern den versöhnlichen Abschied vom Vater, der kein Verständnis für die künstlerische Neigung des Sohnes hatte. Ein Trost, dennoch die Liebe zeigen zu können, die er selbst nicht bekam, in kleinen Gesten, einer Umarmung, einem Kuss. Wenn der Vater stirbt, verbleiben die Tränen, der Sohn hat gelernt, sich zu beherrschen. Aber er hat Frieden geschlossen. Ähnlich besinnlich gerät „I Want To Be Holding You Next Christmas“. Das Bild des Erzählers im Ohrensessel vor einem Kaminfeuer steigt auf. Auf dem Sims die Weihnachtskarte der Angebeteten, es ist ein einsames Fest. Tastender, barmender Sprechgesang, das Feuer kann die innere Kälte nicht erwärmen. Nicht die Erinnerung an „Last Christmas“, sondern die Hoffnung auf ein gemeinsames Feiern im nächsten Jahr. Und irgendwann vielleicht blickt man zurück auf eine „Old Love“.
Dexys ist ein szenetypischer Begriff für Dexedrin, ein Wirkstoff, der Konsumenten die Nacht wachhält. Der 73-jährige Rowland hingegen denkt inzwischen darüber nach, ob er sogar mit dem Plattenaufnehmen aufhört. „You’ve Got The Love“ ist jedoch noch einmal ausgelassener Soul-Pop zwischen ABC und Simply Red, verlangt nach einer Tanzfläche und feiert die Liebe. Die ruft mitunter merkwürdige, kaum erklärbare Gefühle hervor („Strange Feeling“), bis die Erkenntnis reift: „You’re Alright“. Irgendwann dann ein Auseinanderleben und die Trennung in „It’s Over Now“, einem Duett mit Beatrice Howard. „I can‘t give no more, my energy is gone/You’ll never be satisfied, no matter what I do“ singt Rowland in „I’ll Always Love You“, wobei die stetige Wiederholung der Titelzeile etwas nervt. Die Dankbarkeit für die schönen Zeiten will betont werden.
Rowland hat früher etliche Musiker vergrault. Dennoch sitzen mit Sean Read (Gitarre, Saxofon, Keyboards, Background Vocals), Mike Timothy (Keyboards), Jim Paterson (Posaune) und Lucy Morgan (Geige, Bratsche) langjährige Weggefährten im Boot, wenngleich Paterson der Einzige ist, der an den frühen Erfolgen mitwirkte. Für ein Pressefoto haben sie sich noch einmal Jeansklamotten übergeworfen, eine Reminiszenz an die 80er. Auch in den Videos croont Rowland in bewusst stilvoll zusammengestellter Garderobe. Er sieht „Love“ als musikalische Fortschreibung seiner im letzten Jahr erschienen Autobiografie „Bless Me Father“. Bei aller Liebe: Am Ende, im zweiten Teil von „My Life In England“, wird’s politisch. Eine inhumane Welt, in der hungernde Menschen sich selbst überlassen werden von mit den Schultern zuckenden Regierungen. „Oh, rise up, oh rise up, rise up people in England“ sind Rowlands letzte Worte. Und ein solches Engagement wäre schließlich auch ein Akt der Liebe.
„Love“ von Dexys Midnight Runners erscheint auf Heavenly Recordings/PIAS.




