Die schlechte Nachricht vorweg: Sheryl Crows neues Album dreht sich keine halbe Stunde auf dem Plattenteller. Aber in Zeiten, in denen oft nur noch Singles gestreamt werden, vielleicht kein Bewertungskriterium. Die gute Nachricht: „Pick You Up“ ist die stimmigste Songkollektion seit dem Debüt „Tuesday Night Music Club“, das Crow mit einem Musiker-Kollektiv aufnahm, das aber erst durch die Hit-Auskoppelung „All I Wanna Do“ weltweit einschlug und drei Grammys gewann. Die Band fühlte ihre Arbeit nicht ausreichend gewürdigt, da das Label die attraktive Frontfrau vermarkten wollte. Man trennte sich im Streit. Doch Crow hatte bereits Background bei Michael Jackson, Don Henley und Prince gesungen, sie kannte die richtigen Leute. Vor allem in den USA reihte sich ein Top-5-Album an das andere. Alle hörbar, jedoch nicht immer von durchgehender Qualität.
Die sieben Country-Pop-Songs von „Pick You Up“ schlängeln sich im Mitttempo angenehm in die Gehörgänge. Und Crow hat auch etwas zu sagen. Und zwar mit deutlichen Worten: Menschen seien für die Freiheit, die wir heute genießen dürfen, gestorben: „So don’t be an asshole, let everyone be“, singt die 64-Jährige in der ersten Singleauskoppelung „Freedom Bus“. Der Bus ist ein Symbol für Toleranz, und jeder ist aufgefordert, aufzuspringen und die Botschaft der Demokratie durch die Lande zu tragen. Es scheint allerdings ein bunter Hippiebus zu sein, der gemütlich herumzuckelt. Kein Wüten, sondern eher lakonische Bestandsaufnahme. Der amerikanische Singer/Songwriter ist als Gast dabei.
Der „Freight Train“, der im ersten Song bestiegen wird, funktioniert als Metapher: „I’m sitting at the crossroad, holding my heart in my hand / Oh, lonely freight train, you’re еverywhere that I am“. Der Mythos des an der Kreuzung Wartenden, auf den Geliebten, auf eine Idee für den Lebensweg oder gar auf den Teufel, wie in Robert Johnsons „Cross Road Blues“. Selten hat Crow so unaufgeregt gesungen wie in „Flat Earth“, obwohl hier die Umweltproblematik im Amazonas-Gebiet thematisiert wird. Mit dem mehrstimmigen Backgroundgesang, der auch den Titelsong „Pick You Up“ und „Perfect“ veredelt, böten sich einige Songs für die Eagles an, die wohl keinen Bock mehr auf die Mühe des Komponierens haben. „I wish I was perfect“, träumt Crow, und zwar in den Augen des Gegenübers. In „I Got Your Number“ konstatiert sie: „I used to be the queen of sexy“. Eine Repic auf die Anfangstage, doch Crow singt in diesem Taylor-Swift-like-aber-ohne-Club-Beats-Song, als sei sie mit sich im Reinen. Das war nicht immer so, litt sie doch unter Depressionen und überstand den Krebs.
Crow will Hoffnung und Verbundenheit vermitteln. „Wir alle machen gerade so viel durch, dass das Wachsein sich anfühlen kann, als würden wir durch eine brennende Wüste stapfen. Aber wir sind niemals allein. Und überall gibt es Schönheit. Wir müssen nur die Augen offen halten“, kommentiert sie ihre neuen Lieder. Sie sind mit Crows langjährigem musikalischen Weggefährten Jeff Trott entstanden. Er steuert selbst Gitarre und Mellotron bei, immer wieder sorgt Russ Pahls Pedal Steel Guitar für Americana-Atmosphäre, und in „Heaven Help Us“ lenken Streicher den Blick gen Himmel. Hoffnung auf himmlische Hilfe mag man bei der Betrachtung des Cover-Motivs kaum haben. Eine Arche mit Elefant und Pinguinen liegt auf dem Trockenen. Tyson Grumms surrealistisches Gemälde „The Elephant Who Forgot The Ocean“, das inzwischen in Crows Haus hängt, passt zur Platte, deren Musik eine friedliche Stimmung ausstrahlt, deren Texte aber den Finger in die eine oder andere Wunde legen.
„Pick You Up“ von Sheryl Crow erscheint auf Old Green Barn Productions/Thirty Tigers/Open.




