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Aja Monets beeindruckende neue Platte „The Color Of Rain“ ist kein gewöhnliches Album. Vielmehr ist das zweite Werk der inzwischen in Los Angeles heimischen Künstlerin ein musikalisches Erwachen und zugleich ein politisches Manifest. Die 38-jährige Poetin, Musikerin und Aktivistin erschafft hier eine zutiefst emotionale Verbindung zwischen der Welt des gesprochenen Wortes und der Musik, die weit über traditionelle Genres hinausgeht. So ist „The Color Of Rain“ im Kern eine ungeschönte Symbiose aus kraftvollem Spoken Word, surrealistischem Blues und warmen, hypnotischen Klangwelten zwischen Neo-Soul, R&B und Jazz, gleichzeitig wagt Monet mit der großartigen Trailblazerin Meshell Ndegeocello als Co-Produzentin an ihrer Seite aber auch immer wieder den Blick über den musikalischen Tellerrand. Ihre Stimme trägt eine tiefe, fast spirituelle Intimität in sich, wenn schwarze Identität, koloniale Gewalt oder den Krieg im Kongo ebenso ins Zentrum rückt und wie die Notwendigkeit, gesellschaftlichen Respekt und Zusammenhalt nicht als abstraktes Konzept zu betrachten, sondern in gelebte Wirklichkeit zu verwandeln. All das macht dieses Album zu einem kleinen, großen Kunstwerk, das man nicht nur hört, sondern tief im Innersten fühlt.
Aja Monet steht in der langen Tradition afro-amerikanischer Storyteller*innen und Aktivist*innen, die sich nicht scheuen, den Finger in die Wunde zu legen. Ihrer sinnlichen Stimme und ihrem melodischen Tonfall steht die Intensität ihrer brillant formulierten und stets zum Nachdenken anregenden Texte entgegen, wenn sie soziale Ungerechtigkeit in ihrem Heimatland und all die schwindelerregenden Paradoxa, die heute überall auf der Welt Gesellschaften spalten, genauso zum Thema macht wie die nicht enden wollende Suche nach Liebe und Freude.
Monet wuchs im Brooklyner Stadtteil East New York in einer Familie mit mit jamaikanischen, kubanischen und puerto-ricanischen Vorfahren auf und begann bereits im Grundschulalter, erste Gedichte zu verfassen, bevor sie sich im Alter von 19 Jahren als bis dahin jüngste Künstlerin den legendären Grand-Slam-Titel des Nuyorican Poets Cafe in Manhattan sicherte. Schnell folgten erste E-Book-Veröffentlichungen, die ihr den Weg zu ihrem 2017 erschienenen ersten großen Gedichtband „My Mother Was A Freedom Fighter“ ebneten.
Der Titel gibt bereits einen Fingerzeig darauf, von wem sich Monet abgeschaut hat, sich ihrem künstlerischen Tun selbst in Zeiten allgegenwärtiger Disclaimer mutig und unerschrocken mit schonungsloser Ehrlichkeit zu nähern. „Ich kenne keine Welt ohne Mut“, sagt sie im Gespräch mit Gaesteliste.de. „Ich glaube, das liegt einfach daran, wie ich aufgewachsen bin. Ich kenne einfach nichts anderes! Alle Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin, waren mutig. Wenn ich Leute sehe, die nicht so sind, kommt mir das seltsam vor.“
Kein Wunder also, dass sie, anders als viele Künstler*innen heute, ihre Kreativität nicht in erster Linie als Karrieresprungbrett sieht. Während gerade im Hip-Hop und R&B das „Höher, schneller, weiter“-Denken wichtiger als alle inhaltlichen und künstlerischen Belange zu sein scheint, hat Monet einen anderen Weg gewählt. Anstatt künstlerische Kompromisse machen zu müssen, um die Miete bezahlen zu können, arbeitet sie lieber Vollzeit als artistic creative director für die weltweit aktive Organisation V-Day, die sich dem Ziel verschrieben hat, der Gewalt gegen Frauen und Mädchen ein Ende zu setzen.
„Ich stamme aus einer Familie von Menschen, die sehr bewusst leben“, erklärt sie. „Für mich gibt es keinen anderen Weg zu leben, denn die Menschen, die mich erzogen haben, die ich respektiere und zu denen ich aufgeschaut habe, waren nie auf Transaktionen aus. Sie sahen Kunst nicht nur als Mittel zum Zweck, sie war Teil unserer radikalen schwarzen Tradition. Das ist es, was wir weitergegeben haben. Das ist das, was wir gepflegt haben. So haben wir unsere Geschichten am Leben erhalten. So haben wir unsere Würde, unsere Menschlichkeit, unsere Schönheit, unsere Brillanz und auch unsere Kämpfe und unser Leid bewahrt und erhalten. Das ist Teil dessen, wie wir die Fackel weiterreichen und wie wir dafür sorgen, dass sich das Narrativ ständig wandelt und weiterentwickelt. Ich glaube, von den Dichter*innen, die ich kenne und liebe, wollte niemand Millionär oder Milliardär werden. Sie wussten, dass das alles nur ein Schwindel war. Das Wesentliche im Leben war für sie, dass man etwas hinterlässt, das man etwas schafft, das vorher nicht da war.“
In vielen ihrer bisherigen Werke hat sich Monet mit Themen wie Rassismus, Kolonialismus und Ungleichheit auseinandergesetzt, und das nicht nur innerhalb der Grenzen der USA, sondern auch im Sudan oder in Palästina. Ihre Gedichte auch zu vertonen, ist für sie hingegen immer noch vergleichsweise neu. Ihr Grammy-nominiertes Debütalbum „When The Poems Do What They Do“ erschien vor drei Jahren und gab ihr erstmals die Gelegenheit, die Verbindung von Wort und Musik, die sie schon ihr ganzes Leben lang fasziniert hatte, auch selbst zu erkunden. Allerdings fällt es ihr gar nicht so leicht, auszudrücken, was den besonderen Reiz am Zusammenspiel von Poesie und Musik für sie ausmacht.
„Ich glaube, ich lerne noch, das in Worte zu fassen oder überhaupt zu verstehen, was das eigentlich bedeutet“, erklärt sie. „Für mich war Musik schon immer ein Teil meines Lebens und meiner Erziehung. Deshalb empfinde ich eine tiefe Liebe zur Musik, zu den Menschen, die Musik machen, die Musik hören oder die eine Beziehung zur Musik haben. Die ersten Musiker*innen, die ich kannte, waren Wortakrobat*innen. Ich habe mir damals keine Gedanken darüber gemacht, wer in dem Song die Instrumente spielte. Das Erste, was mich faszinierte, war, wer in dem Song sprach oder sang. In meinem Kopf war für mich klar: Wortakrobat*innen sind Musiker*innen, denn das, was sie zu einem Beat oder einer klanglichen Begleitung machten, war stets musikalisch. Es ging um das Gefühl und die Klangfarbe. Ich glaube, die Klangfarbe macht einen großen Teil meines Musikverständnisses aus. Das geht zurück auf die Zeit, als ich als Kind lernen musste, den Tonfall der Älteren zu verstehen. Das war gewissermaßen die erste Musik, mit der ich mich jemals auseinandergesetzt habe.“
Während ihr LP-Erstling klanglich tief im Jazz verwurzelt war, ist „The Color Of Rain“ nun ungleich schwerer in gängige Kategorien zu stecken. Einflüsse aus Neo-Soul, R&B, Funk und Hip-Hop sorgen dieses Mal für Facettenreichtum und eine engere Verbindung von Form und Inhalt als noch auf dem Erstling. Zur Seite stand Monet bei der Produktion vor allem ihr Partner, Justin Brown, der allerdings mehr als nur musikalische Expertise einbrachte.
„Zu sehen, dass er einfach er selbst ist und sich erlaubt, sein authentischstes, kreativstes und ausdrucksstärkstes Ich zu sein, brachte mich zu der Frage: ‚Könnte ich das vielleicht auch?’“, erinnert sie sich. „Als Musiker ist er sehr aufrichtig, und das fasziniert mich. Er ist einfach so ein brillanter Mensch, und seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit beim Spielen führen dazu, dass sich manches ein wenig schräg anhört. Das liegt daran, dass kein Sinn oder Grund dahintersteckt – es passiert einfach. Es gibt kein Ziel, kein ‚Ich muss so klingen, ich muss das so machen.‘ Es ist einfach das, was uns einfällt, die Musik, die wir fühlen und zu der es uns hinzieht, und das ist irgendwie cool.“
Eine ebenso wichtige Rolle bei der Entstehung des neuen Albums spielte aber auch Singer/Songwriterin und Bassistin Meshell Ndegeocello als Co-Produzentin, die nicht zuletzt dafür sorgte, dass Monet und Brown nicht vom einmal eingeschlagenen Weg abkamen.
„Sie ist einfach Meshell!“, sagt Monet über ihre Kollaborateurin. „Sie ist ein sehr intuitiver, geduldiger und aufmerksamer Mensch, sie liebt Musik und hat so viele unglaubliche Projekte realisiert und dabei so viel gegeben. Was sie in die Arbeit eingebracht hat, war ein Gefühl der Ruhe im Studio, ein Gefühl der Organisation, ein Gefühl der Zuversicht. Ihr Gehör ist präzise, sie ist aufrichtig und empfindet eine tiefe Liebe zur Poesie. Ihr Ziel war es, den Fokus auf die Gedichte zu legen und uns dazu zu bringen, das auch zu tun. Sie hat mich daran erinnert, wie wichtig die Worte sind, selbst wenn ich mich unsicher fühlte, weil ich zu den Musiker*innen so sehr aufschaue. Wenn ich sehe, was sie können, denke ich manchmal: ‚Oh, ich wünschte, ich könnte das auch – so unendlich viel ohne Worte ausdrücken! Das ist so kraftvoll!‘ Aber Meshell erinnerte mich daran, dass es wichtig ist, das zu tun, was wir tun. Außerdem ist da natürlich noch ihre technische Brillanz. Sie ist eine unglaubliche Bassistin, sie macht seit Jahren eigene Musik, sie produziert und weiß, wie man mit Musiker*innen auf eine Art und Weise spricht, die sie verstehen und respektieren. Gleichzeitig hat sie aber auch eine tiefgründige feminine Herangehensweise. Es ist nicht alles Ego, da ist auch viel Anmut im Spiel.“
Zwischen entspannten Harfenklängen, unruhigen, treibenden Bässen und dezent psychedelischen Vibes fängt „The Color Of Rain“ so den alltäglichen Schmerz und die nicht kleinzukriegende Hoffnung auf bessere Zeiten ein, die in diesen absurden Zeiten nicht nur Monet umtreibt. Wenn sie sich mit ausgeprägtem Sendungsbewusstsein das heuchlerische „Hollyweird“ mit all seinen engstirnigen, verwöhnten Stars vornimmt oder in „For The Congo“ die Weltbank, den IWF und ausländische Rohstoffkonzerne an den Pranger stellt, kann man auf die Idee kommen, dass sie in der Vergangenheit ihre Kunst dazu nutzte, ihr Weltbild zu formen und nun stärker auf das Kommunizieren ihrer Werte und Anschauungen aus ist, doch so schwarz und weiß mag sie das nicht sehen.
„Ich glaube, das ist fließend“, sagt sie. „Es ist einfach so, dass der Rest der Welt nun Dinge aufgegriffen hat, über die meine Community schon seit Ewigkeiten spricht. Nichts von dem, was derzeit in meinen Gedichten thematisiert wird, ist unbedingt neu. Es gibt vielleicht neue Wege, sie zu artikulieren, oder andere Wege, sie auszudrücken. Ich setze mich mit all den Dingen, über die ich spreche, die ich erlebe oder die ich zum Ausdruck bringe, schon lange auseinander. Es ist einfach so, dass es jetzt ein Publikum gibt und dass es jetzt vielleicht mehr Menschen gibt, die zuhören wollen, weil sich die Bedingungen geändert haben. Wir sehen jetzt das Ergebnis jahrelanger kultureller Aufklärungsarbeit: eine Nachfrage nach Authentizität, eine Nachfrage nach Vielfalt, eine Nachfrage nach Menschen, die sich nicht mehr belügen lassen wollen.“
Doch so wichtig und allgemeingültig viele der Dinge sind, die Monet in ihren Gedichten und Songs anspricht, geht es ihr im Kern doch nicht zuletzt darum, ihre eigenen Emotionen zu sortieren.
„Manchmal haben die Dinge, die ich sagen möchte, gar nichts mit anderen zu tun“, gesteht sie. „Es geht einfach darum, womit ich mich gerade auseinandersetze, was ich hinterfrage, worüber ich frustriert bin. Aber dann teilst du das mit jemand anderem und stellst fest: ‚Oh, dir geht es genauso? Das spricht dich an? Cool, ich bin nicht allein! Ich bin nicht verrückt!‘ Aber alles beginnt eigentlich mit dem Gespräch zwischen dir und deiner höheren Macht. Dort fängt alles an. Dann teilst du irgendwann auf welche Art auch immer mit, was in dir vorgeht, und merkst, dass auch in anderen Menschen viel vor sich geht. So bildet sich eine Verbindung.“
Diese Verbindung ist es auch, die Monet Hoffnung schöpfen lässt, dass es uns gemeinsam gelingen kann, das Ruder herumzureißen und ein besseres Leben im Einklang mit der Natur und allen Lebewesen zu führen.
„Ich glaube, die Natur ist entschlossen, zu überleben“, sagt sie. „Das Ziel ist es, an einen Ort zu gelangen, an dem wir mit allem um uns herum in Verbundenheit leben und lernen, auch miteinander verbunden zu sein – ganz egal, ob das der Planet ist, unsere Liebsten oder Menschen am anderen Ende der Welt, von denen wir nichts wissen. Das Ziel muss es sein, an einen Punkt zu kommen, an dem Liebe im Überfluss vorhanden ist und man aus einer Haltung des Respekts vor allen Lebewesen handelt.“
Bis dieser Traum in Erfüllung gehen kann, ist es leider noch ein weiter Weg. Etwas leichter ist es für Monet, als Künstlerin einige Einträge von der bucket list zu streichen. So trat sie wenige Tage vor der Veröffentlichung von „The Color Of Rain“ in der altehrwürdigen Carnegie Hall in ihrer alten Heimat New York auf, und auch ihre anderen Wunschvorstellungen sind eng mit Auftritten an besonderen Orten verknüpft.
„Mein größter Wunsch ist es, auf dem afrikanischen Kontinent zu spielen – oder vielleicht auch in Kuba“, verrät sie abschließend. „Ich möchte an Orten auftreten, an denen ich eine tiefe Verbindung und Beziehung zu den Menschen habe – das ist der einzige Traum, den ich im Moment habe.“
„The Color Of Rain“ von Aja Monet erscheint bei drink sum wtr/Secretly Canadian/Cargo.




