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Greifbare Klangkunst
In Zeiten, in denen das Schubladendenken immer mehr um sich greift, zeigt das Tara Clerkin Trio, dass es auch anders geht: Bei seinem beeindruckenden Gastspiel in Köln verwandelt das ursprünglich aus Bristol stammende Trio die (nicht vorhandene) Bühne in der Eigelsteintorburg in ein Laboratorium hypnotischer Klänge, in dem feste Songstrukturen zerfallen und Genregrenzen zwischen Minimal Jazz, Lo-Fi-Trip-Hop, Kammer-Folk und Avantgarde vollständig verschwimmen.
Schüchtern, ja, geradezu scheu wirken Tara Clerkin, Patrick Benjamin und Sunny-Joe Paradisos, wenn sie zwischen den Songs zumeist wortlos den warmen Applaus des Publikums im voll besetzten Saal genießen, aber musikalisch gelingt den dreien an diesem Abend das Kunststück, ihre Musik nicht nur live lebendig werden zu lassen, sondern den Prozess des Musikmachens tatsächlich für das Publikum greifbar und erlebbar zu machen.
Obwohl nur zu dritt, lassen sie Schicht für Schicht Songs entstehen, die klingen, als würde ein viel größeres Ensemble sie spielen. Wer ein klassisches Konzert mit klar verteilten Rollen erwartet, wird hier sofort eines Besseren belehrt, und genau diese radikale Offenheit ist es, die das Konzert mit vielen Songs der aktuellen Platte „Somewhere Good“ und ausgewählten Rückgriffen auf ältere Veröffentlichungen zu einem so ungewöhnlichen und faszinierenden Erlebnis macht.
Anstatt sich auf feste Rollen zu beschränken, steht die Show im Zeichen eines ständigen, fast lautlosen Instrumentenwechsels. Während sich Benjamin allerhand Tasteninstrumenten von Synth bis Melodica widmet, bedient Paradisos nicht nur das Schlagzeug, sondern spielt bisweilen auch Cello und Akustikgitarre – stets übrigens mit tief gesenktem Kopf, als wolle er sagen: Seht her, Shoegazing geht auch ohne Pedalboard.
Während sich die beiden Musiker so richtig austoben, ist Namensgeberin Clerkin die besonnene Schaltzentrale eines fragilen, präzise ausbalancierten Klanggefüges. Zwischen Live-Loops und elektronischen Samples läuft bei ihr alles zusammen, wenngleich sie nicht nur für das Knöpfchendrehen zuständig ist, sondern an Gitarre, Klarinette, Synth und als Sängerin immer wieder für unerwartete Farbtupfer sorgt.
Besonders bemerkenswert: Diese nahtlose Rotation geschieht vollkommen ohne Hektik und wirkt so organisch, als würden die drei über unsichtbare, telepathische Pfade miteinander kommunizieren. Tatsächlich blicken sie nur selten ins Publikum, sondern spielen vor allem einander zugewandt.
So lebt der Auftritt in der Domstadt dann vor allem von der unprätentiösen Echtheit des Moments. Kleine technische Unwägbarkeiten oder ein unperfektes Sample werden nicht kaschiert, sondern mit einem Lächeln in die Improvisation integriert. Das Publikum verliert in diesem fließenden Soundkosmos, der lose Erinnerungen an Künstler wie Arthur Russell, Broadcast oder die düster-schöne Melancholie von Portishead weckt, jegliches Zeitgefühl. Am Ende mag man kaum glauben, dass vom Opener „Ups And Downs“ bis zur von Paradisos trotz Erkältung gesungenen Zugabe „Slow Island“ 80 Minuten verstrichen sind.
Man könnte auch einfach sagen: Wenn es darum geht, mit minimalen Mitteln eine maximale, tief berührende Wirkung zu erzielen, macht dem Tara Clerkin Trio so schnell niemand etwas vor.
















